Ich bin Elahe Sadr, Mitarbeiterin von „agisra“, einer Migrantinnen-Selbstorganisation in Köln. Agisra ist eine Informations- und Beratungsstelle für Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen. Wir unterstützen und begleiten Frauen in schwierigen Lebenslagen, unabhängig von ihrer Herkunft, Religionszugehörigkeit, sexuellen Lebensweisen, Sprachkenntnissen und ihrem Aufenthaltsstatus.

Die meisten geflüchteten Frauen haben in ihren Heimastländern Gewalt und stark traumatische Erfahrungen gemacht. Viele von ihnen sind als politisch handelnde Menschen politische Verfolgung, Krieg, Folter, Vertreibung, Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt und haben oft dazu noch Frauenspezifische Gewalterfahrungen erlebt, wie:

Zwangssterilisiere

Zwangsabtreibung

Zwangsverheiratung

häusliche Gewalt

Bedrohung aufgrund von sexueller Orientierung

Systematische Vergewaltigung im Zusammenhang mit sogenannten ethnischen Säuberungen

Kleiderordnungen und Vorschriften über das Auftreten in der Öffentlichkeit, z.B.Zwangsverschleierung und Zwangsentschleierung.

Zwangsprostitution

Genitalverstümmelung

Steinigungen

 

Viele von ihnen haben zusätzlich bei der Flucht sexuelle und physische Gewalt, Inhaftierung oder den Tod anderer Flüchtlinge erlebt. All das um schließlich im Aufnahmestaat (Deutschland) mit rassistischen Angriffen, Abschiebehaft bzw. Abschiebung, Trennung von Angehörigen, strukturellen Rassismus und Sexismus bei Ämtern und Behörden sowie sexuellen Übergriffen im Lager konfrontiert zu werden. Das heißt: Gewalt, traumatisierende Erfahrungen und Schutzlosigkeit wird weiter erlebt.

Besonders gefährdet sind alleinstehende Frauen.

Wir beobachten mit großer Empörung die Unterbringungssituation von geflüchteten Frauen in Köln und Deutschland: Geflüchtete Frauen berichten, dass sie extremen Stress, Ängsten und struktureller Schutzlosigkeiten in Flüchtlingslagern insbesondere im Hinblick auf männliche Gewalt und Dominanz ausgesetzt sind. Insbesondere nachts droht ihnen Gewalt in Fluren, Höfen und sanitären Räumlichkeiten. Sie und ihre Kinder suchen beispielsweise abends und nachts keine Toiletten auf, um sich vor sexualisierter Gewalt zu schützen.

Das Machtpotenzial der HausmeisterInnen und des Sicherheitspersonals ist durch die Lagerstrukturen sehr hoch. Es besteht daher die Gefahr, dass einige ihre Funktion in dem schutzlosen Rahmen des Lagers ausnutzen.Nach den Geschehnissen in der Silvesternacht in Köln haben wir gehofft, dass die sexualisierte Gewalt, die Frauen tagtäglich erleben nun endlich thematisiert wird. Allerdings sind wir stattdessen nur mit der Skandalisierung von „Aufenthaltsstatus“ und sogenannte „Herkunft“ beschäftigt. Worum ging es in diesen Debatten? Um die Thematisierung von Sexismus? Darum, welcher Gewalt Frauen tagtäglich ausgesetzt sind? Mehr Rechte für Frauen? Nein.

Vielmehr fand eine Instrumentalisierung durch Politik und Medien statt, indem es darum ging, wie man das Asylpaket II schneller durchsetzen und somit die sowieso schon prekäre Situation von Geflüchteten Frauen verschlimmern kann, um Abschiebungen und damit den Rassismus zu legitimieren. Nun können auch Geflüchtete Frauen, die stark traumatisiert und in fachärztlicher Behandlung sind,  im Schnellverfahren abgeschoben werden.  Ein Familienbachzug ist stark eingeschränkt worden. Ein Asylantrag wird abgelehnt, wenn die Residenzpflicht nicht eingehalten wird: Somit wird der Asylantrag von Geflüchteten Frauen, die aufgrund häuslicher Gewalt gezwungen sind ihren Landkreis zu verlassen und Schutz in einer neuen Einrichtung aufzusuchen, automatisch abgelehnt.

All diese Gewalt volle Praktiken werden im Namen demokratische und frauenfreundliche Werte Deutschlands durchgeführt. Solange Deutschland strukturellen Rassismus und Sexismus kontinuierlich verharmlost, legitimiert, fortschreibt und reproduziert, bleibt Deutschland sexistisch und rassistisch.

Wir fordern Menschenrechte für Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen.

Unser Feminismus ist antirassistisch!