Redebeitrag 12.03. – ‚Wider die Zustände‘

 

Liebe Genoss*innen,

 

Die Ereignisse der Kölner Silvesternacht rücken seit Januar das Thema sexualisierte Gewalt in das öffentliche Interesse. Die Dimension der Übergriffe in dieser spezifischen Nacht ist vielleicht neu, doch Sexismus und sexistische Übergriffe sind alltäglich für Frauen* auf der ganzen Welt.

Von Seiten der Presse und der Politik wurde hingegen so getan, als sei Sexismus in Deutschland bis dahin kein Problem gewesen. Das ist schlichtweg falsch.

 

Seien es Pfiffe und Catcalls wie „Hey Süße“ auf der Straße oder ein „Klaps“ auf den Hintern in der Diskothek: Gerechtfertigt werden solche Handlungen oft mit einem „Ach, der hat das nicht so gemeint“ oder einem „Na, der Rock ist aber auch schon kurz… Da musst du ja mit so etwas rechnen“. Wir haben es täglich mit Victim Blaming und Slutshaming zu tun. Diese werden als Umgangs- und Erklärungsmuster zur Rechtfertigung von patriachaler, also unterdrückender, abwertender und selbstverherrlichender Machtausübung und Gewalt genutzt. Es wird so getan, als seien die Betroffenen selbst Schuld an dem was ihnen widerfahren ist.

 

Diese Schuldumkehr verhöhnt und verspottet die betroffenen Personen. Das muss aufhören! Die Schuld haben IMMER die überwiegend CIS-männlichen Täter, die Grenzen verletzen und damit anderen Personen physische und psychische Gewalt antun.

 

Durch den rassistischen und sexistischen Umgang mit den Silvesterereignissen werden Mythen geschaffen. Mythen von „fremden“ Tätern, die weiße Frauen bedrohen. Die „deutsche Frau“ wird so zu einem „beschützenswerten Gut“ und objektifiziert.

Nicht nur, dass dieser Beschützerlogik Sexismus immanent ist, auch werden dadurch wieder einmal viele Subjekte nicht gesehen, gehört oder ernst genommen. Der Mythos vom „fremden Täter“ wird schon bei einem Blick auf statistische Zahlen widerlegt:

Die meisten Delikte üben Täter aus, die aus dem näheren Umfeld der Betroffenen stammen.

 

Doch das wird nicht nur von der Gesellschaft, sondern auch vom deutschen Recht gerne ausgeblendet: Dieser institutionalisierte Sexismus zeigt sich z.B, indem sexualisierte Gewalt oft nicht als Vergewaltigung geahndet wird, wenn eine Beziehung zwischen Opfer und Täter bestand. Weiter, reicht es nach deutschem Recht für den Straftatbestand einer Vergewaltigung nicht aus, wenn die betroffene Person explizit Nein sagt. Nur dann, wenn physische Gegenwehr erfolgt und vom Täter zusätzliche körperliche Gewalt oder Drohungen angewendet werden, greift der entsprechende Paragraph. Anders als bei anderen Verbrechen entscheidet hier das Verhalten der Betroffenen darüber, ob eine Straftat vorliegt oder nicht. Psychologisch gesehen sind aber Schockstarre und Angstlähmung die häufigsten Reaktionen. Vor Schock gelähmt kann Mensch sich nicht verteidigen.

 

Die Istanbul-Konvention, also die Konvention des Europarates gegen Gewalt an Frauen, fordert, dass sexuelle Übergriffe schon dann strafbar sind, wenn sie gegen den Willen der betroffenen Person erfolgen, ohne weitere Anforderungen. Deutschland hat diese Konvention jedoch immer noch nicht berücksichtigt! Auch Vergewaltigung in der Ehe ist in Deutschland erst seit 1997 strafbar!

 

Wem das noch nicht reicht, um anzuerkennen, dass in dieser Gesellschaft immer noch und immer schon patriarchale Machtstrukturen dazu führen, dass Gewalt gegen Frauen* nicht ernst genommen wird, werden vielleicht die folgenden Zahlen überzeugen:

-Jede 7. Frau ab dem 16. Lebensjahr wurde mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt.

-Mehr als die Hälfte aller Frauen im Alter zwischen 16 und 85 Jahren haben in ihrem bisherigen Leben sexuelle Belästigung erlebt.

 

Die öffentliche Diskussion der Silvesterereignisse hat daran nichts geändert, sondern Frauen* als „beschützenswertes Gut“ und Victim Blaming a la „Eine Armlänge Abstand“ wieder salonfähig gemacht.

Wir fordern, dass jeder Person, die sagt, dass sie sexualisierte Gewalt erlebt hat, geglaubt wird, ohne dass sie sich dafür rechtfertigen muss oder Schuldzuweisungen bekommt. Die Definitionsmacht liegt bei den Betroffenen!

 

Fight rapeculture, slut shaming und alle anderen Formen des Patriarchats – smash sexism!