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Sehr geehrter Polizeipräsident Jürgen Mathies,
sehr geehrter Minister Ralf Jäger,
sehr geehrte Oberbürgermeisterin Henriette Reker,

als breites Bündnis aus unabhängigen Frauen*organisationen mit verschiedenen transkulturellen Hintergründen, aus feministischen Initiativen, sowie antifaschistischen, antikapitalistischen und antirassistischen Gruppen aus Köln und NRW haben wir am 12.03. dieses Jahres eine bundesweite antisexistische und antirassistische Demonstration in Köln veranstaltet. Noch am Tag der Demo wurden Beschwerden und erschreckende Berichte an uns herangetragen, die uns zu diesem offenen Brief veranlassen. In der Pressemitteilung vom 12.03. haben wir bereits auf einige kritische Stimmen verwiesen. Die zeitliche Verzögerung, mit der dieser offene Brief nun veröffentlicht wird, ist der Tatsache geschuldet, dass uns eine genaue Prüfung und interne Diskussion der Erfahrungen und Berichte wichtig war. Dieser offene Brief beruht auf zahlreichen Rückmeldungen von Beteiligten des Demobündnisses, sowie von Demonstrationsteilnehmenden, die diese Kritik an uns herangetragen haben. Durch die Rückmeldungen hat sich unser Eindruck bestätigt, dass die weitestgehend positive und friedliche Demonstration  in inakzeptabler Weise durch ein provozierendes, grenzüberschreitendes und teilweise rechtswidriges Verhalten sowie eine übermäßige Präsenz der Polizei massiv gestört wurde.

Warum wir auf der Straße waren

Mit der Demonstration haben wir ein starkes Zeichen für Selbstbestimmung und Sicherheit im öffentlichen Raum von Frauen*, Lesben*, Trans*- und Interpersonen sowie Menschen of colour, Geflüchteten und Menschen mit verschiedenen transkulturellen Hintergründen gesetzt. Wir haben gegen sexistische, sexualisierte, rassistische und patriarchale Gewalt demonstriert. Wir haben uns zudem klar gegen die rassistische Instrumentalisierung der Silvester-Ereignisse positioniert.

Was wir von Seiten der Polizei erleben mussten

Bereits vor Beginn der Demonstration war der Roncalliplatz komplett mit Polizeitransportern umstellt. Die maßlos übertriebene Menge an Polizeibeamt*innen auf dem Roncalliplatz war überraschend und für viele von Beginn an übergriffig: Bereits um 12:15 Uhr  wurden 37 Polizeitransporter gezählt. Diese Form der Polizeipräsenz erzeugte bei vielen Demonstrierenden nicht das Gefühl von Sicherheit, sondern hatte etwas Bedrohliches. In provokanter Weise wurden die Demonstrierenden bereits vor Demobeginn ohne ersichtlichen Anlass vom Hotelbalkon aus gefilmt. Später gingen Polizeibeamt*innen – ebenso ohne konkreten Anlass einer drohenden Gefahr oder Eskalation – mit laufenden Kameras in die Demo hinein. Dies hatte zur Folge, dass die Teilnehmenden der Demonstration von Beginn an gezielt verunsichert, provoziert und eingeschüchtert wurden. Von geflüchteten Frauen* wurde berichtet, dass sie vom Polizeiaufgebot schockiert waren. Aufgrund vergangener Erfahrungen mit Repressionen im eigenen Land, sind sie aus Angst um die eigene persönliche Sicherheit nicht in der Demo mitgelaufen.

Versuch der Polizei, Demonstrant*innen einzuschüchtern und die Demonstration zu kriminalisieren

Einzelne Blöcke der Demo wurden ab Erreichen des Hohenzollernrings mit 2 bis 3 Reihen Polizeikräften „begleitet“. Diese liefen Schulter an Schulter mit den Demonstrierenden, sodass die Transparente und damit die Botschaft der Demonstration verdeckt wurden. Dies werten wir als unzulässigen Eingriff in die Versammlungsfreiheit.

Von Beginn an wurden Teilnehmende teilweise gewaltsam von Polizeibeamt*innen aus der geschlossen laufenden Demonstration gezogen, um ihre Personalien festzustellen. Dies führte dazu, dass der Demozug wiederholt stehen bleiben musste und es damit zu einer klaren Behinderung und Verzögerung der Demonstration kam. Vor allem zum Abschluss der Demonstration, auf dem Weg vom Neumarkt zum Alter Mark, kam es an einer engen Wegstrecke zu Übergriffen und Schubsereien durch Polizist*innen. Teilnehmende – vor allem auch geflüchtete Teilnehmende, aber auch ältere Personen – haben die Demo frühzeitig verlassen, weil sie sich aufgrund des Polizeiverhaltens nicht sicher fühlten. Aber damit noch nicht genug: Auf dem Heimweg vom Alter Markt zum Hauptbahnhof abseits der weiteren Öffentlichkeit erwarteten die Demoteilnehmenden an vielen Ecken Polizeikontrollen und Personalienfeststellungen. Wozu, fragen wir uns. Zu Anzeigen kam es unseres Wissens in keinem Fall. Es drängt sich die Annahme auf, dass das Ziel lediglich die Einschüchterung und Provokation der nun nicht mehr gemeinsam versammelten Demonstrierenden war. Einzelne Berichte von Demonstrierenden sind im Anhang aufgeführt.

Resümee

  1. Mit den anlasslos angefertigten Filmaufnahmen verhielten sich die Beamt*innen vor Ort wiederholt klar rechtswidrig. Jegliche Filmaufnahmen von Demonstrationsteilnehmer*innen stellen eine Einschränkung des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit dar. Daher verlangen §§ 12a, 19a VersG als Bedingung für die Erstellung von Filmaufnahmen bei Demonstrationen eine erhebliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung.
  2. Das Verlangen der Anmelderin, dass die Polizei Abstand von den Demonstrierenden zu halten habe, wurde vom Hundertschaftsführer verweigert.
  3. Es wurden vom Hundertschaftsführer Konsequenzen angedroht, falls der Demozug aus Protest gegen das Polizeiaufgebot angehalten würde. Laut Einsatzleiter Herr Langen wurde zwar die Anweisung erteilt, einen der hinteren Demoblöcke speziell unter Beobachtung und unter Kontrolle zu halten, dass dies aber so rabiat umgesetzt worden war, sei ihm nach eigener Aussage nicht bewusst gewesen. Zudem habe seine Anweisung nicht impliziert, dass die Beamt*innen Schulter an Schulter mit den Demonstrierenden laufen sollten. Letztendlich zeigte sich also niemand für die Zustände auf der Demo verantwortlich, was wir als intransparentes und Verwirrung stiftendes Verhalten aufs Schärfste kritisieren.
  4. Für uns ergab sich das Bild, dass ein klares Interesse von Seiten der Polizei bestand, Demonstrant*innen einzuschüchtern sowie die Demonstration zu stören. Eine solche massive Polizeipräsenz und Aufmerksamkeit wäre an Silvester angebracht gewesen. Am Demonstrationstag jedoch war dies eine unnötige Schikane.

So bleibt der Eindruck, die Kölner Polizei habe sich auf Kosten der Demonstrierenden und zu Lasten des Versammlungsrechtes zu profilieren und zu legitimieren versucht. Jedoch, zum Anlass einer friedlichen, feministischen Demo das nachzuholen, was an Silvester versäumt wurde, kann keiner logischen Prüfung standhalten. Das Verhalten der Polizist*innen belegt, dass diese sich nicht neutral positionierten und die Polizei auch nicht als neutrale Institution gesehen werden kann. Aufgrund der Handlungsweisen schließen wir, dass sie sich klar gegen Antisexismus und Antirassismus positioniert haben. Die Erfahrung, gerade im Rahmen einer friedlichen Veranstaltung gegen rassistische und sexistische Gewalt dermaßen als Gefahr für die Öffentlichkeit gesehen zu werden und mit Kriminalisierung bedroht zu werden, war für viele Beteiligte erschütternd. Dies bestärkt uns aber umso mehr in unseren Kämpfen.

Es war allen Beteiligten der Demo wichtig, ein starkes und friedliches Zeichen zu setzen und nur Dank des de-eskalierenden Verhaltens der Demonstrierenden konnten weitere Komplikationen während der Demo verhindert werden.

Das von uns dargestellte Polizeiverhalten hat das Versammlungsrecht unzulässig eingeschränkt. Wir fordern Sie daher auf, zu den Ereignissen Stellung zu nehmen und darzulegen, wie Sie sicherstellen, dass ein derartig unverhältnismäßiges und rechtswidriges Vorgehen der Polizei in Zukunft unterbleibt. Darüber hinaus werden wir einen Antrag auf Datenlöschung stellen.

 

Mit feministischen und antirassistischen Grüßen

Demobündnis zum Weltfrauen*tag 2016 in Köln

 

 

 

ANHANG: Schilderungen des Polizeiverhaltens von Demoteilnehmer *innen und Bildmaterial

„Nachdem es kurz vor der Zwischenkundgebung zu Beschwerden aufgrund von „Vermummung“ gekommen war (einige Demonstrant*innen trugen Kapuzen und Sonnenbrillen da es kalt und sonnig war und hatten bunte Schirme aufgespannt), marschierten Polizist*innen erst einreihig, dann zweireihig und schließlich in bis zu vier Reihen neben dem antifaschistischen und autonomen Block her und schoben sich von außen zusehends gegen die Seitentransparente des Blocks. Als es in einer engen Gasse nahe der Abschlusskundgebung zur einigermaßen chaotischen Umgehung eines geparkten Autos kam, reagierten die Einsatzkräfte prompt mit einem Spurt und direktem Eingriff. Offensiv schritten Polizist*innen in den absolut friedlich marschierenden Block ein und hielten den Menschen Teleskopkameras teilweise direkt ins Gesicht, um sie abfilmen zu können.

Untermalt wurde dies von absolut unbegründeten und unprofessionellen Aussagen wie „Ihr provoziert hier doch UNS“ seitens der Einsatzkräfte. Via Twitter berichteten zahlreiche Augenzeug*innen an verschiedenen Stellen des Zugs von Personen, die aus den Blöcken herausgezogen worden seien sowie einer Szene nahe einer Eckkneipe, in welcher die Rollläden hastig heruntergelassen worden waren und vor der sich die Einsatzkräfte mit Helmen für eine offensichtlich erwartete Eskalation rüsteten. Da von der Demonstration an sich abseits von Rufparolen zu keinem Zeitpunkt eine direkte Aggression ausgegangen war, lässt sich nur schlussfolgern, dass hier mit aller Gewalt ein Zusammenstoß fabriziert werden sollte.“

„Der enge Durchgang bevor wir auf den letzten Platz kamen wurde noch mehr verengt, die Polizei lief in 2er und 3er Reihen, immer wieder wurden ohne ersichtlichen Grund Helme aufgesetzt, . Ich habe eine ältere Frau, auch Demoteilnehmerin, beobachtet wie sie mit einem Polizisten gesprochen hat, mehrfach Situationen geschildert hat, in denen Sie sich von anderen Polizist*innen bedroht und bedrängt gefühlt hat, dieses wurde überhört und abgetan. Angeblich würden die Kolleg*innen auch an der Demo teilnehmen…..AHA!“

„Das Verhalten der Polizei war ein Unding. Streckenweise lief sie mitten in der Demo mit und störte nur, und weigerten sich, wieder an den Rand zugehen. Auf die Aufforderung hin, sagte ein Polizist zu mir, er wäre schwerhörig. Auch sonst stand die Polizei an vielen Stellen viel zu dicht an uns. Ich empfand das als sexistisch, weil es ja um eine Demo für Frauenrechte ging, und das Motto haben sie durch ihre aufdringliche Präsenz mit Füßen getreten. Dass viele weibliche Polizistinnen dabei waren, machte es nicht besser.“

„Es wird zu unserer „eigenen Sicherheit“ gewesen sein, dass über unsere lautstarken Forderungen nach Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Freiheit von der Seite hämisch gelacht wurde. Dass ältere Frauen* mit Gewalt zur Seite gedrängt wurden weil sie sich nicht durch die Polizeireihen zum Block kämpfen wollten, sondern lieber an der Seite mitliefen.“

 

 

 

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